Harry Kane trifft und trifft - vom Punkt. Jetzt gibt es keine Gewissheiten mehr.

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Wir erleben die Auflösung der Verhältnisse: Deutschland ist keine Turniermannschaft mehr und die Engländer machen auf einmal alles ganz anders als bisher. Verrückte Welt!

Die Matrix ist weg: Kane, Kane, Rashford, Trippier, Dier – in dieser Reihenfolge verwandelten vier Engländer gestern Abend fünf von sechs Elfmetern. Die Engländer, deren traurige Strafstoßhistorie bei großen Turnieren inzwischen längst toterzählter Dauerwitz ist, aber immer wieder aufs Neue für einen Schmunzler gut ist. Vor allem hierzulande, wo man sich ja besonders gerne über das sportliche Elend anderer Fußballnationen amüsiert. Und jetzt, was bleibt uns noch? „Wir“ sind auf einmal keine Turniermannschaft mehr, am Ende gewinnt eben doch nicht mehr immer Deutschland und die Engländer fangen an, Elfmeter in Serie zu verwandeln. Und dann haben sie auch noch einen Keeper gefunden, der sich kein Ei mehr selbst ins Nest legt und stattdessen lieber Elfmeter hält. Jetzt gibt es wirklich keine Kleinen mehr.

Idiotenfolklore: Man kann sich in diesen Tagen nicht oft genug selbst daran erinnern: Fußball ist nur ein Spiel. Es wird gespielt von Menschen, die viel Geld verdienen, dafür aber auch nichts können – außer, dass sie in ihrer Jugend wohl mehr investiert haben, als ihre ebenfalls fußballbegeisterten Altersgenossen. Jürgen Klopp entgegnete im damaligen „Doppelpass“ mal dem ewig den Fußballweisen gebenden Udo Lattek durchaus kloppoesk erregt, dass jeder Fußballer lieber gut als schlecht spielt, jeder Fußballer lieber gewinnt, als verliert. Lattek hatte in irgendeinem Zusammenhang lauten lassen, dass irgendeine Mannschaft wohl augenscheinlich gegen irgendeinen seinerzeit angeschossenen Kollegen spielen würde. Und Klopp sagte, dass es ein „gegen den Trainer spielen“ nicht gebe – und damit hatte Klopp wohl recht, denn es ist ja in der Regel komplizierter. 

Warum dieser Exkurs? Nun, es gehört inzwischen zum schlechten Ton, die Spieler zu entmenschlichen, sie als Besitz zu verstehen. Sie werden vielerorts als Maschinen wahrgenommen, die im eigenen Sinne zu funktionieren haben. Sie sind ja schließlich teuer. Liefern sie etwas ab, das nicht der hoch gesteckten Erwartung des Zuschauers entspricht, muss mehr dahinter stecken als ein schlechter Tag, ein besserer Gegner oder schlicht Pech. Dann liegt mindestens eine Funktionsstörung vor oder doch Betrug? Jedenfalls scheint eine wie auch immer geartete Fehlleistung heute auszureichen, um den Spieler, den Menschen, mit den wüstesten Beschimpfungen zu überziehen, bis hin zur Morddrohung. Das ist bei dieser Weltmeisterschaft schon manchem passiert, zuletzt dem Dänen Nicolai Jörgensen, der mit seinem verschossenen Strafstoß das Aus seiner Mannschaft gegen Kroatien besiegelte. Was stimmt nicht mit den Menschen? Es ist nur Fußball. Die wichtigste Nebensache der Welt.

Davai Comunio: Sorry, aber du nervst nur noch…
Neymar überzeugte gegen Mexiko - auch mit seinen Schauspielereien.

Dieses Mal kein Elfmeterfestival, stattdessen ein Filmfestspiel. Belgien gegen Japan glänzt von der Dramaturgie her und bei Brasilien überzeugt einer durch seine schauspielerische Leistung.

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Bye, bye Bundesliga: Mit dem durchaus überraschenden Aus der schweizer „Nati“ ist das Kontingent der noch im Turnier verbliebenen Bundesligakicker vor dem Viertelfinale dramatisch zusammen gezurrt. Emil Forsberg (RB Leipzig) hat seine Schweden (und Werder Ludwig Augustinsson) persönlich weiter geschossen, Koen Casteels (VfL Wolfsburg) und Thorgan Hazard (Borussia Mönchengladbach) durften sich das dramatische Spiel ihrer Belgien gemütlich aus der ersten Sitzreihe aus anschauen, Frankfurts Ante Rebic überzeugte mal wieder für Kroatien, wo Tin Jedvaj und André Kramaric auf der Bank saßen und die Franzosen entsenden Tolisso und Pavard in die Runde der letzten Acht. Neun Bundesligalegionäre von einstmals 67 sind also nach gut zwei Wochen in Russland noch übrig. 2014 waren es im Viertelfinale noch 24.

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Autor: Till Erdenberger

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