Dr. Stephan Nopp (l.)

Foto: © imago / MIS
Dr. Stephan Nopp ist Leiter Technik und Innovation beim DFB und zudem leidenschaftlicher Comunio-Spieler. Und so drehen sich die ersten fünf Minuten des Telefonats allein um Comunio. Im anschließenden Interview gibt er Einblicke in die Scoutingabteilung des DFB, erklärt warum viele Daten gar nicht verwendet werden und spricht über die Zukunft der Spielanalyse. 

Comunioblog: Herr Dr. Nopp, nachdem wir sehr ausführlich über Comunio gefachsimpelt haben, lassen Sie uns doch mit dem Interview starten. Sie gehören zum Scouting-Team des DFB. Wie sind Sie dazu gekommen?

Dr. Stephan Nopp: Dafür muss ich ein bisschen ausholen. 2005 studierte ich an der Sporthochschule in Köln und nebenbei arbeitete ich als studentische Hilfskraft im Institut für Fußballmanagement von Professor Jürgen Buschmann. Parallel hatte der DFB die WM im eigenen Land vor der Brust und gerade im Mai 2005 Urs Siegenthaler als Chefscout angestellt. Der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte ja ohnehin angekündigt, jeden Stein umzudrehen und so hat er es dann ja auch gemacht. Klinsmann  wollte die Nationalmannschaft im Athletik- aber auch im Scoutingbereich neu aufstellen. Urs stand dann vor dem Problem, dass ihm nur noch ein Jahr bis zur WM blieb und er unmöglich alle anderen 31 Teilnehmer alleine sichten konnte. 

Comunioblog: Und wie ging es dann weiter?

Dr. Nopp: Da kam dann unser jetziger TV- und Medienkoordinator Uli Voigt, der ein Spieler unter Professor Buschmann war, auf die Idee, dass doch Studenten dabei helfen könnten. Die sollten dann grob Informationen zusammensuchen. Das war ja damals alles noch nicht so einfach wie heute. Da ging es darum, Botschaften anzuschreiben, Videomaterial zu bekommen usw. So ging das Projekt damals los.

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Deutschland

Eine Titelverteidigung gelang zuletzt Brasilien 1962. Doch das DFB-Team hat genau dieses Ziel und auch den Kader, um es zu schaffen. Dabei könnte ein Spieler helfen, der 2014 zuschauen musste.

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Comunioblog: Welche Rolle hatten Sie dabei?

Dr. Nopp: Ich schloss zur WM 2006 gerade mein Studium ab und wurde so ein bisschen das Bindeglied zwischen Urs und den Studenten. Ich bin mit dem Projekt gewachsen. Die logische Konsequenz war bald, den Bereich zu vergrößern und neben Urs und Christopher Clemens mich fest dazuzunehmen. Seit 2011 bin ich jetzt bei der Mannschaft immer mit dabei, bei allen Länderspielen und Turnieren. Wir waren die ganze Zeit zu dritt, nehmen aber zur WM 2018 noch einen vierten Mann mit dazu, weil der Bedarf immer größer geworden und das Potenzial in dem Bereich enorm gestiegen ist.

 

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WM 1954: Deutschland war erstmals nach dem Krieg wieder bei einer WM dabei und trat ganz klassisch in weißen Shirts und schwarzen Shorts auf. Charakteristisch war der Schnürkragen (Alle Bilder: imago)

Comunioblog: Sie sind Leiter Technologie und Innovation. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Dr. Nopp: Der DFB hat sich zum 1. Januar diesen Jahres neu strukturiert. Die Akademie ist ja durch den Bau medial bekannt. Inhaltlich wird die Akademie schon jetzt gelebt, auch wenn es noch ein paar Jahre dauert, bis das Gebäude in Frankfurt tatsächlich steht. Die Organisationsstruktur wurde geändert und dabei der Bereich „Technologie und Innovation“ geschaffen. Meine Aufgabe besteht darin, das Ganze zu koordinieren und neue Technologien anzuschieben, insbesondere auch, weil ich aus dem Bereich der Diagnostik im taktischen Bereich komme, also der Spielanalyse. Wie können wir die Spielfähigkeit und die Spielwirksamkeit schneller und genauer messen? Das beschäftigt uns Jeder kennt Parameter wie Passerfolgsquoten und Ballkontakt und so weiter. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wir 2014 ohne auch nur annähernd diese Daten zu nutzen, Weltmeister wurden. Und auch heute nutzen wir sie noch nicht. Das Einzige was wir wirklich nutzen, ist das Physiologische. Wieviel läuft ein Spieler? Wie viele Sprints macht er? Damit wir die Belastung steuern können. Aber das ist Aufgabe der Athletiktrainer.

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Comunioblog: Und was machen Sie mit den Daten?

Dr. Nopp: Wir im Bereich der Spielanalyse gehen immer noch über die Methode der Spielbeobachtung. Wir nutzen die Daten, um den Kontext des Spiels lesen zu können. War der Pass, den der Spieler spielt der richtige? War es nicht der richtige? Da können wir vielleicht noch mal auf Comunio zu sprechen kommen. Dort erfasste der Algorithmus letzte Saison nur, ob ein Pass angekommen ist oder nicht. Der Kontext wurde nicht bewertet. Da hilft „Machine Learning“, sprich anhand der Positionsdaten, die wir schon seit 20 Jahren erheben, wissen wir, welcher Spieler ist zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort auf dem Spielfeld ist und wo sich der Ball befindet. Daraus lässt sich der Kontext abbilden. Das ist ein spezieller, fokussierter Bereich von mir und den versuchen wir zusammen mit unseren Partnern in Stanford, unserem Partnerverein in den USA, den San Jose Earthquakes, mit SAP, also mit verschiedenen Unternehmen, weiterzuentwickeln.

Comunioblog: Also wird die Spielbeobachtung künftig nicht mehr von Menschen übernommen?

Dr. Nopp: Spielbeobachter werden wir weiterhin brauchen, aber wir können anhand von Technologien schneller zu einem aussagekräftigeren Fazit kommen und die Leistung bewerten. Das ist ein Bereich, Virtual Reality ist ein anderer. Da geht es darum, die Leistungsentwicklung eines Spielers mitsteuern zu können.

Seite 2: Dr. Nopp über seinen Einfluss auf den Bundestrainer und künstliche Intelligenz bei der Spielbewertung

Seite 3: Dr. Nopp über die ominöse DFB-App, die möglichen Trends der WM und Deutschlands Gruppengegner

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Autor: Marc-Oliver Robbers

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