Dr. Stephan Nopp ist Leiter Technik und Innovation beim DFB und zudem leidenschaftlicher Comunio-Spieler. Und so drehen sich die ersten fünf Minuten des Telefonats allein um Comunio. Im anschließenden Interview gibt er Einblicke in die Scoutingabteilung des DFB, erklärt warum viele Daten gar nicht verwendet werden und spricht über die Zukunft der Spielanalyse. 

Seite 1: Dr. Nopp über Quantensprünge in der Spielanalyse und den Verzicht auf Nutzung der Spieldaten

Comunioblog: Die WM geht Mitte Juni los, aber wann gingen für Sie die Vorbereitungen los?

Dr. Nopp: Weit im Vorfeld. Wir machen uns schon während der Qualifikation Gedanken. Was für Tendenzen und Entwicklungen gibt es? Was könnte uns bei der WM erwarten? Dazu kommen Quintessenzen, die wir aus den Spielen gegen die Topnationen Frankreich, Brasilien, Spanien und England zuletzt filtern und definieren konnten. Im Grundsatz ist das ein fortlaufender Prozess, aber natürlich wird es Richtung Turnier immer heißer. Da geht es dann auch um die Kadernominierung, um Dinge, die im Trainingslager verlangt werden. Was brauchen wir für Videomaterial, für Inhalte? Alles geschieht in wirklich engster Absprache mit dem Trainerteam.

WM-Vorschau Deutschland: Das Unmögliche möglich machen
Deutschland

Eine Titelverteidigung gelang zuletzt Brasilien 1962. Doch das DFB-Team hat genau dieses Ziel und auch den Kader, um es zu schaffen. Dabei könnte ein Spieler helfen, der 2014 zuschauen musste.

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Comunioblog: Wie muss man sich das Scouting vorstellen? Gibt es erst allgemeines Scouting, dann teamspezifisches? Werden dann Gruppengegner gescoutet? Dann mögliche Gegner in der Ko.-Phase?

Dr. Nopp: Unser Fokus ist im Vergleich zu 2006 heute ein anderer. Während wir damals sehr abhängig vom Gegner waren und teilweise auch hoffen mussten, dass der Gegner einen schlechten Tag hatte, sind wir heute aufgrund der Qualität der Spieler in der Lage, Dinge unabhängig vom Gegner anzusteuern. Die Gegnervorbereitung ist immer noch ein ganz wichtiger Part, aber insgesamt hat sich der Fokus doch deutlich auf uns verschoben. In letzter Zeit testen wir betont gegen die Top-Mannschaften. Das Team in Köln versorgt uns zudem mit vielen Informationen. Und es stimmt schon, nach der Qualifikation, in der wir ganz allgemein beobachtet haben, begann dann mit der Auslosung im Dezember ein konkreteres Scouting der Gruppengegner, der möglichen Achtelfinal- und Viertlfinalgegner. Dann wird auch noch intensiver live gesichtet. Da ist in erster Linie Urs Siegenthaler vor Ort. Unsere Aufgabe ist es, die Informationen für die Trainer zu kommunizieren.

Comunioblog: Also filtern Sie die gesammelten Informationen? Und die Trainer dann noch einmal?

Dr. Nopp: Das passiert eigentlich im Einklang. Unsere Aufgabe ist es a) festzustellen, was wird von uns verlangt und b) natürlich zu verstehen, was von unseren Spielern verlangt wird, sprich welche Strategien sind von den Trainern vorgegeben. Das müssen wir dann evaluieren und auf Basis der Erkenntnisse, was der Gegner uns abverlangen und anbieten wird, Strategien vorschlagen und mit den Trainern besprechen. Die Trainer entscheiden, sie geben alles weiter an die Mannschaft.

Die WM-Trikots der deutschen Mannschaft

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WM 1954: Deutschland war erstmals nach dem Krieg wieder bei einer WM dabei und trat ganz klassisch in weißen Shirts und schwarzen Shorts auf. Charakteristisch war der Schnürkragen (Alle Bilder: imago)

 

Comunioblog: Was ist ihre Aufgabe während des Spiels?

Dr. Nopp: Während des Spiels ist es meine Aufgabe, mich schwerpunktmäßig um unsere Mannschaft zu kümmern. Zu gucken, was vom Matchplan umgesetzt wird oder wo Abweichungen notwendig sind, weil wir den Gegner vielleicht etwas anders erwartet haben. Co-Trainer Marcus Sorg sitzt während der ersten Hälfte auf der Tribüne. Da gilt es dann, sich abzusprechen und auf einen Nenner zu kommen, wenn der Gegner vielleicht doch etwas anderes anbietet, um dann den Bundestrainer zu beraten. Es geht aber nicht nur um die  Spielsteuerung live, sondern auch schon darum, Dinge für die Nachbereitung herauszugreifen? Wir wurden die Dinge, die vorgegeben waren, auf dem Platz umgesetzt? Welche Probleme oder Chancen haben wir erkannt, die für die Vorbereitung auf das kommende Spiel wieder relevant sind? Ich habe dabei auch immer einen Blick auf einzelne Spieler. Wie verhält sich ein Spieler im System? Müssen wir ihn in seiner Spielweise ermutigen? Das ist auch Teil des Ganzen.

Comunioblog: Sie hatten es schon kurz angerissen, im Scouting und der Spielanalyse hat sich in den vergangenen Jahren eine Menge getan. Wie schwer ist es dabei, aus diesem Wust an Daten, relevante Infos herauszufiltern?

Dr. Nopp: Ich hatte schon gesagt, dass wir die Daten, die wir erheben, aktuell nicht nutzen. Da gibt es sicher andere Ansätze, vor allem in Nordamerika. Die Kollegen aus der MLS versuchen aus verschiedenen KPIs oder Indikatoren, Erkenntnisse zu ziehen. Uns erscheint das als uninteressant, weil wir immer noch nicht die Zahl gefunden haben, die etwas für uns Gültiges aussagt, aus der wir valide Erkenntnisse ziehen könnten, um dann tatsächlich einen Spieler voranzubringen. Wir brauchen dazu immer die Videobilder, um einen Kontext zu haben. Wir wollen wissen, warum eine Aktion so zustande kommt, wie sie zustande kommt. Es geht nicht darum zu sehen, dass wir 90 Prozent der Pässe an den Mann bringen, sondern darum herauszufinden, warum, wo und wiewir Pässe komplettieren. Es kann ja auch sein, dass wir Quote in einer Zone auf dem Feld haben, die völlig uninteressant ist und wir dadurch vielleicht Situationen verpassen, in denen wir noch mehr Druck ausüben könnten. Das drücken reine Zahlen bis heute einfach nicht aus, im schlimmsten Fall wird man davon erschlagen.

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Comunioblog: Aber warum macht man das dann alles?

Dr. Nopp: Ich glaube, dass wir bei der Spielanalyse genau an der Schwelle stehen. Weg von der Beobachtung und Zählung von irgendetwas, hin zu diesem Maschinen-dynamischen Lernen, sprich anhand der Positionsdaten, wer wo stand und wer wo hinlief, den Kontext der Aktion einzuordnen. Das können wir heute schon über neuronale Netze oder andere Technologien abbilden. Aber auch da geht es immer darum, wie valide das ist. Nehmen wir einfach mal den Ansatz vom „Packing“, der von Stephan Reinartz 2016 mitkreiert worden ist. Das ist echt interessant und lässt auch schon einen deutlich höheren Zusammenhang zwischen dem Erfolg von Spielen und dem Überspielen von Gegnern zu. Eine Passerfolgsquote sagt nichts aus, das Überspielen von Gegnern schon. Das ist auf jeden Fall ein erster Ansatz, auch wenn da auch noch dran geschraubt werden kann. Vom Grundsatz geht das aber in die richtige Richtung.

Seite 3: Dr. Nopp über die ominöse DFB-App, die möglichen Trends der WM und Deutschlands Gruppengegner

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Autor: Marc-Oliver Robbers

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