Am 9. August startet die Bundesliga in ihre 51. Spielzeit. Der Hamburger SV peilt erneut das internationale Geschäft an, aber ist das ohne große Verstärkungen überhaupt machbar?  

Die Situation: Geräuschlos geht beim HSV nichts vonstatten. Das bringen die Strukturen mit dem aufgeblähten Aufsichtsrat und dem Supporters Club als eigene Abteilung so mit sich. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass die Nachfolgersuche von Sportdirektor Frank Arnesen ein gefundenes Fressen für den Blätterwald an der Elbe wurde.

Nach zahlreichen Statements verschiedener wichtiger und unwichtiger Leute, der Absage von Jörg Schmadtke und einer Ablösezahlung an den Karlsruher SC wurde Oliver Kreuzer Nachfolger des geschassten Dänen. Und der neue Sportdirektor fügte sich gleich einmal mit einer vollmundigen Ansage ein: „Wir wollen versuchen, nächstes Jahre international dabei zu sein“, sagte Kreuzer und gab dann auch schon einmal ein langfristiges und sehr ambitioniertes Ziel aus: „Es wäre schön, mal wieder die Schale hochzuheben.“ Dass der Ex-Profi nicht die Salatschale in der HSV-Kantine meint, versteht sich von allein.

Die Ziele bei den Rothosen waren seit jeher groß, allerdings liegt der letzte Titel bereits 26 Jahre zurück. Schaut man auf den Kader, ist selbst die Zielvorgabe „Internationales Geschäft“ durchaus kühn. Das musste auch Kreuzer nach seinen ersten Wochen im Amt wohl auch einsehen und nahm wieder etwas Druck von der Mannschaft. Zwar wird weiterhin die Europa League anvisiert, „Europa ist aber kein Muss“, sagte Kreuzer in dieser Woche der „Hamburger Morgenpost“.

Die Testspiele verliefen durchwachsen. 5 Siegen stehen 4 Niederlagen gegenüber. Zuletzt gab es 1:1 gegen Inter Mailand. Die Gegner waren mit dem FC Bayern, BVB oder auch West Ham United durchaus hochkarätig, aber nach eigenem Anspruchsdenken ist Hamburg ja selbst ein Hochkaräter.

Der HSV musste im Sommer zudem einen schmerzvollen Abgang verkraften. Heung-Min Song wechselte für rund 10 Millionen Euro zu Bayer Leverkusen. Geld, das der hochverschuldete Klub dringend benötigt, aber ebenso weitere Qualität, die die Hamburger einbüßen. Als Ersatz kam Jacques Zoua für schmales Geld (1 Mio.) vom FC Basel. Der Kameruner debütierte einst unter HSV-Trainer Thorsten Fink in der Schweizer Liga.

Zudem holte Kreuzer Johan Djourou vom FC Arsenal vorläufig zum Nulltarif nach Hamburg. Ein guter Transfer, der Schweizer war bereits in der letzten Rückrunde an Hannover 96 ausgeliehen und konnte dort durchaus überzeugen. Djourou ist erneut ausgeliehen und kann im nächsten Sommer per Kaufoption (2,5 Mio. €) an den Klub gebunden werden.

Aufgrund einer Leisten-OP wird der Innenverteidiger den Saisonstart aber verpassen. Daher dürfte mit Lasse Sobiech ein weiterer Neuzugang Djourou erst einmal ersetzen. Heiko Westermann bleibt der Abwehrchef. Auf den Außenpositionen verteidigen Marcell Jansen links und Dennis Diekmeier rechts. Nationalspieler Dennis Aogo bleibt nur die Bank. Rene Adler ist die unumstrittene Nummer eins.

Milan Badelj ist im defensiven Mittelfeld gesetzt. Neben ihm hat Tolgay Arslan das Rennen um die zweite Position gegen Tomas Rincon wohl gewonnen. Auch Kerim Demirbay ist eine Alternative. Davor bleibt Rafael van der Vaart der Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Hamburger. Der Niederländer bekam sogar von Fink die Anweisung, weniger zu laufen und sich seine Kräfte besser einzuteilen. Eine interessante Ansage in Zeiten, in denen selbst einstige Defensivverweigerer wie Franck Ribery gerne einmal 13 Km pro Spiel abspulen. Sein Vertreter ist Supertalent Hakan Calhanoglu.

Auf dem Flügel haben Maximilian Beister und Ivo Ilicevic erst einmal die Nase vorn. Als Backup stehen Per Skjelbred und Petr Jiracek bereit. Auch Dennis Aogo kann auf dem linken Flügel spielen. Der Sturm ist in diesen Tagen eher ein laues Lüftchen. Artjoms Rudnevs und der schon angesprochene Zoua sind in der Vorbereitung bislang glücklos. Wenigstens konnte Rudnevs mit seinem Treffer gegen Inter das erste Stürmertor der Vorbereitung erzielen.  Der Lette wird wohl erst einmal beginnen.

Allerdings möchten die Verantwortlichen auf die Misere reagieren und noch einen Stürmer verpflichten. Nikica Jelavic ist ein Kandidat. Damit der Kroate zu finanzieren ist, müssten aber wohl erst einmal die Aussortierten Robert Tesche, Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic und Gojko Kacar gehen.

Comunio Player to watch: Milan Badelj. Der Kroate ist der heimliche Chef im Mittelfeld und bestimmt das Spieltempo. Er bekommt den ersten Ball im Spielaufbau und leitet die Angriffe ein. Zudem ist Badelj ein bissiger Zweikämpfer. Rund 2 Millionen muss man momentan für den defensiven Mittelfeldspieler bei Comunio hinblättern. Letzte Saison reichte es immerhin für 49 Punkte. Die sollte der unumstrittene Stammspieler in seinem zweiten Bundesligajahr locker übertreffen.

Fazit: Auch wenn der HSV vom Europapokal redet, ist dieser doch nicht wirklich realistisch. Die Hamburger können sicher immer mal wieder aufhorchen, aber wie zuletzt dürfte nicht mehr als ein Platz im Mittelfeld herausspringen. Im Optimalfall reicht es für Platz 6, aber im ausgeglichenen Verfolgerfeld der Bundesliga kann es am Ende auch Platz 14 werden.

Zugänge: Lasse Sobiech (Borussia Dortmund), Johan Djourou (FC Arsenal, Leihe), Jacques Zoua (FC Basel), Hakan Calhanoglu (Karlsruher SC, Leihe beendet), Kerem Demirbay (Borussia Dortmund II), Jonathan Tah (Hamburger SV U17), Paul Scharner (Wigan Athletic, Leihe beendet), Robert Tesche (Fortuna Düsseldorf, Leihe beendet)

Abgänge: Jacopo Sala (Hellas Verona), Heung Min Son (Bayer 04 Leverkusen), Jeffrey Bruma (FC Chelsea, Leihe beendet)

Autor: Marc-Oliver Robbers

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