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Bei den beiden vergangenen Turnieren hat Englands Nationalmannschaft schwer enttäuscht. Wie wird es diesmal werden? Der Londoner Fußball-Journalist Andrew Butler spricht im Interview über Hoffnungen und Ängste im Mutterland des Fußballs.

Comunioblog: Andrew, jetzt dauert es nicht mehr lange bis zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Bist Du schon aufgeregt?

Andrew Butler: Extrem aufgeregt! Die Weltmeisterschaft ist der Gipfel dieses Sports. Und auch, wenn die Erwartungen aus englischer Sicht relativ gering sind, gibt es für die Fans doch nichts, was auch nur annähernd so schön ist wie eine WM. Es wird schon ein tolles Turnier werden müssen, um 2014 zu überbieten. Aber jedes Turnier hat seinen eigenen Reiz.

Andrew Butler

Das ist: Andrew Butler, 29 Jahre alt, aus London. Leitender Redakteur bei dreamteamfc.com. Erste Erinnerung an die englische Nationalmannschaft ist der Sieg im Elfmeterschießen gegen Spanien bei der EM 1996. Seitdem hat England kein Elfmeterschießen mehr gewonnen, Foto: privat

Comunioblog: England spielt in einer Gruppe mit Belgien, Panama und Tunesien. Wie bewertest Du Englands Chancen in der Gruppe und auf welchem Platz werden sie am Ende stehen?

Butler: Die Fans in England lassen sich leicht dazu verleiten, zu denken, dass wir die Gruppe mit Leichtigkeit gewinnen werden. Diese Einstellung ist immer gefährlich. Davon abgesehen, könnte man sich jedoch keine angenehmeren Gegner für die ersten beiden Spiele wünschen: Tunesien und Panama. Sollten wir sechs Punkte aus diesen beiden Spielen holen, wovon ich jetzt mal ausgehe, dann wird unser letztes Gruppenspiel gegen Belgien fantastisch! Dann könnten wir offener spielen und uns ausprobieren gegen eine Mannschaft, die etwa auf unserem Level sein dürfte.

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Comunioblog: Nationaltrainer Gareth Southgate hat offenbar eine genaue Vorstellung davon, wie England spielen soll. Wie sieht die aus? Und glaubst Du, dass er damit richtig liegt?

Butler: Southgate experimentiert mit drei Verteidigern, von denen zwei Außenverteidiger sind: Kyle Walker in der Mitte und Kieran Trippier auf rechts. In den vergangenen Testspielen schien das zu funktionieren, was ein gutes Zeichen ist. Die Wahl des Stammtorwarts wird noch wichtig sein. Ich würde Jordan Pickford bevorzugen, aber Jack Butland könnte am Ende Southgates erste Wahl sein. Die Optionen im Angriff sind ebenfalls sehr spannend: Raheem Sterling hat die bislang beste Saison seiner Karriere gespielt; Harry Kane gehört zu den besten Stürmern im Weltfußball. Vorsichtig würde ich mal behaupten, dass Southgate mit der Nationalmannschaft bislang Gutes leistet. Aber wie sie sich auf der großen Bühne präsentieren wird, bleibt abzuwarten.

Comunioblog: Wenn es ums Personal geht, müsste England eigentlich mit den Besten mithalten können. Ein paar Namen hast Du ja schon genannt. Wer sind die Players to watch im englischen Team?

Butler: Ganz klar: Harry Kane. Er ist einer der wenigen echten Weltklasse-Fußballer, die wir in den vergangenen fünf Jahren hervorgebracht haben. Jeder Fußballfan auf der Welt kennt ihn. Raheem Sterling, Dele Alli und Jesse Lingard werden um die beiden Plätze hinter Kane kämpfen. Drei sehr interessante junge Spieler. Die WM könnte ihr ganz großer Durchbruch werden.

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Comunioblog: Und wer werden die Anführer im englischen Kader sein?

Butler: Nicht jeder hat ihn auf dem Schirm, aber Jordan Henderson könnte bei diesem Turnier eine entscheidende Rolle für uns spielen. Er ist kein Star-Spieler, in der Vergangenheit wurde er von den Fans als eher durchschnittlich wahrgenommen. Aber die Form, mit der er für Liverpool spielt – besonders in der Champions League –, könnte der gesamten Mannschaft einen Schub geben. Ein genereller Kritikpunkt, mit dem die Nationalmannschaft zu tun hat, ist dennoch das vermeintliche Fehlen von Leadern.

Comunioblog: Bei der EM 2016 hat England im Achtelfinale gegen Island verloren. In welcher Weise wirkt sich das heute noch auf die Erwartungen der englischen Fans aus?

Butler: Die Erwartungen würden wohl auf einem Allzeit-Tief liegen, wenn wir in eine stärkere Gruppe gelost worden wären. Aber die Tatsache, dass wir die Qualifikation so locker geschafft haben, gibt uns die Illusion, dass wir wieder mit den Großen mithalten können. Aber: Das denken wir immer – und am Ende enttäuschen wir fast jedes Mal! Ich hoffe, die Spieler, die 2016 dabei waren, lassen sich von dieser Negativ-Erfahrung nicht zu sehr runter ziehen. Aus Fansicht denke ich, dass wir nicht zu viel erwarten sollten.

Comunioblog: Inwiefern hat sich England denn seit der EM 2016 weiterentwickelt beziehungsweise nicht weiterentwickelt?

Butler: Unsere guten Spieler sind noch besser geworden – Kane, Sterling und so weiter. Und viele Vertreter der älteren Generation sind diesmal nicht mehr dabei. Das gibt der jungen, hungrigen Truppe die Chance, sich bei dem Turnier zu beweisen. Aber es birgt eben auch die Gefahr, dass der Mangel an Turnier-Erfahrung zum Problem werden könnte.

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Comunioblog: Du hast es eben schon angesprochen: Liverpool ist ins Champions-League-Finale eingezogen mit einigen englischen Leistungsträgern im Kader. Spielt das eine Rolle für die Nationalmannschaft?

Butler: Wie eben gesagt: Jordan Henderson hat den FC Liverpool als Kapitän ins Champions-League-FInale geführt, dann gibt ihm trotz der Niederlage sicher Selbstvertrauen für die Weltmeisterschaft. Alex Oxlade-Chamberlain und Joe Gomez fehlen wegen Verletzungen, was bitter ist, aber sie sind für uns nicht unersetzbar. Viele Fans wollten außerdem James Milner wieder im Kader sehen. Er ist 2016 aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Er hat in dieser Saison in der Champions League die meisten Vorlagen gegeben – nebenbei mit einem neuen Rekord. Er ist so ein vielseitiger Spieler. Schade, dass er nicht mehr zur Verfügung steht.

Comunioblog: Welche sind deine größten Hoffnungen und Befürchtungen?

Butler: Wir sollten realistisch sein. Stand jetzt würde ich das Viertelfinale nehmen. Meine Angst ist, dass wir wieder mal „den Engländer machen“ und schon in der Gruppenphase straucheln. Das muss nicht mal unbedingt das Ausscheiden in der Gruppe bedeuten, dazu würde auch ein Unentschieden oder eine Niederlage gegen Tunesien oder Panama genügen – sodass wir am Ende gegen Belgien dann einen Sieg bräuchten…

Comunioblog: Wer wird Weltmeister? Und wie weit kommt England?

Butler: Ich hoffe wie gesagt, dass wir es bis ins Viertelfinale schaffen. Aber selbst das Achtelfinale wäre eine Verbesserung im Vergleich zur letzten WM! Gewinnen werden wohl Brasilien oder Deutschland. Und sollte England es nicht ins Finale schaffen, würde ich mir diese beiden im Endspiel wünschen. Die Chance auf Rache gegen die Chance der Titelverteidigung: Das wäre großartig!

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Autor: Marcus Erberich

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