Die deutsche Nationalmannschaft hat den Test gegen Chile mit 1:0 gewonnen, kann mit dem Spiel aber keineswegs zufrieden sein. Welche Rückschlüsse zieht man aus so einem Spiel? 

Notizen

9. Minute: Philipp Lahm rettet nach einem Kopfball von Arturo Vidal auf der Linie. Hätte Vidal ins Tor getroffen, hätten sich die Deutschen aber nicht beschweren dürfen: Chile ist in der Anfangsphase gnadenlos überlegen. Deutschland setzt in der Offensive keine Akzente und steht unsicher in der Defensive. Vor allem Marcell Jansen auf der linken Außenverteidiger-Position wird häufig überlaufen oder steht falsch.

16. Minute: Das nennt man dann wohl Effektivität. Deutschland nutzt seine erste Torchance und geht – zu diesem Zeitpunkt mehr als unverdient – in Führung. Torschütze ist Mario Götze, der den Ball nach einem schlauen Querpass von Mesut Özil freistehend und aus kurzer Distanz zum 1:0 in die Maschen schaufelt.

23. Minute: Jetzt hilf Götze hinten links aus: Der angeschlagene Marcell Jansen ist im Zweikampf mit Alexis Sánchez überfordert, bis Götze dem Chilenen den Ball vom Fuß spitzelt und die Situation damit entschärft. Kurz darauf wird Jansen ausgewechselt, später wird feststehen: Der Hamburger hat einen Außenbandriss am rechten Knöchel. Ganz bitter für den HSV, hat sich im Training vor dem Spiel doch auch schon Stürmer Pierre-Michel Lasogga eine Oberschenkel-Verhärtung zugezogen.

26. Minute: Chile ist hier klar die bessere Mannschaft. Manuel Neuer im Tor der Deutschen könnte heute auch den Spielmacher geben, wenn man sich die Zahl seiner Ballkontakte ansieht. Das Problem: Wenn er von seinen Vorderleuten angespielt wird, bietet sich keiner mehr an und Neuer ist gezwungen, den Ball ins Mittelfeld zu dreschen. Kontrollierter Spielaufbau sieht anders aus.

38. Minute: Bastian Schweinsteiger mit einem Steilpass aus dem Mittelfeld – nur leider ins völlige Niemandsland. Sein Ball findet keinen Abnehmer und kullert unmotiviert ins gegnerische Toraus. Schon in der 20. Minute war ihm ein für Toni Kroos gedachter Ball misslungen – was aber eher an der Absprache lag. Dennoch: Schweinsteiger findet nicht recht ins Spiel, hängt irgendwie in der Luft.

44. Minute: Drei Chilenen setzen sich im Strafraum gegen fünf deutsche Verteidiger durch, schießen aber kein Tor. Sinnbildlich. Zum Glück ist gleich Pause.

 

 

51. Minute: Zur zweiten Halbzeit bringt Jogi Löw André Schürrle für Miroslav Klose, dessen Bewegungsradius heute der eines Bierdeckels war. Im Sturmzentrum wechseln sich jetzt Schürrle, Götze und Özil ab. Mit geringer Wirkung: Deutschland ist zwar nicht mehr ganz so schläfrig wie in Halbzeit eins, Chile bleibt aber die bessere Mannschaft.

59. Minute: So aufgebracht hat man Jogi Löw noch nie gesehen. Nach einem missglückten Versuch des Spielaufbaus von Jérôme Boateng geht Löw aus seiner Coaching-Zone, gestikuliert wild mit den Armen und schreit hörbar so etwas wie „Ballkontrolle!“ über den Platz. Recht hat er.

61. Minute: Lattentreffer für Chile! Eduardo Vargas steht nach einem Pass in den Rücken der deutschen Abwehr als einer von drei Chilenen völlig blank vor Manuel Neuers Kasten. Er hätte sich Zeit lassen können, eine Schleife um den Ball binden und ihn dann lässig im Netz versenken können. Aber er zieht direkt ab und trifft nur das Gebälk. Deutschland im Glück – wieder mal. Langsam wird’s einem fast peinlich.

64. Minute: Zum ersten Mal deutlich hörbare Pfiffe der deutschen Fans gegen die eigene Mannschaft. Was machen eigentlich Mustafi, Hahn und Ginter?

77. Minute: Der Ausgleich – oder auch die Führung! – wäre für die Mannschaft aus Chile so verdient. Aber Vidal, Vargas, Sánchez und Kollegen sind zu schwach im Abschluss. Eine Mannschaft mit einem Vollblut-Vollstrecker würde hier längst hoch führen.

81. Minute: Toni Kroos bringt eine Ecke von der linken Fahne. Seine Flanke verhungert aber auf halbem Weg in den Sechzehner und wird von der chilenischen Defensive locker abgefangen. Nicht die erste schlechte Ecke heute.

84. Minute: Lukas Podolski, erst vor zwei Minuten für Mario Götze ins Spiel gekommen, rennt Chiles Torwart an. Der lässt sich nervös machen und schießt Poldi an. Gefährlich wird’s dadurch nicht, Szenenapplaus und leise „Lukas Podolski“-Sprechchöre gibt’s trotzdem. Das Publikum ist jetzt schon mit wenig zufrieden.

89 Minute: Immerhin einer der möglichen Debütanten kommt nun auch tatsächlich zu seinem ersten Länderspiel-Einsatz: Matthias Ginter kommt für Özil. Der wird vom Publikum mit lauten Pfiffen verabschiedet. Unangebracht.

92. Minute: Nicht ganz so unangebracht sind die Pfiffe nach Abpfiff. Deutschland gewinnt zwar mit 1:0, liefert aber eins der schlechtesten Spiele der letzten Jahre ab. Lust auf WM macht dieser Auftritt nicht gerade. Im Field-Interview wirken Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm angefressen, verstehen aber die Pfiffe der Fans. Lahm: „Die Leute haben immerhin viel Geld bezahlt.“

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Kommentar: Es gibt Siege, über die kann man sich völlig enthemmt freuen. Dann sind da Siege, bei denen ein Beigeschmack bleibt, der einen daran erinnert, dass es auch andersrum hätte ausgehen können. Und zum Schluss gibt es Siege, die einem beinahe die Schamesröte ins Gesicht treiben, weil jeder, der das Spiel gesehen hat, weiß, dass der Gegner den Sieg verdient gehabt hätte.

So ein Sieg war das am Mittwoch gegen Chile. Über 90 Minuten war Deutschland die schlechtere Mannschaft. Weniger Einsatz, weniger Laufbereitschaft, lasche Zweikampf-Führung. Deutschland schoss fünf Mal aufs Tor, Chile zehn Mal. Deutschland wurden vier Ecken zugesprochen, Chile 14. Bloß: Deutschland schoss ein Tor, Chile keins.

Im Nachgang wurde das Spiel als Test zum richtigen Zeitpunkt gefeiert, immerhin wisse man jetzt, dass man nicht nur gegen die ganz Großen 100 Prozent geben müsse. Aber dass die Ursache für den faden Auftritt der DFB-Elf darin gesucht wurde, dass die Mannschaft vorher nur zwei Mal miteinander trainiert hat, ist ärgerlich.

Denn viele der Spieler kennen sich dank ihrer langen gemeinsamen Jahre bei der Nationalmannschaft besser, als man das am Mittwoch hätte vermuten können. In der Startelf standen überdies sechs Spieler des FC Bayern, die sich ja auch nicht ganz fremd sein dürften.

Und wie kann es sein, dass die Chilenen den Deutschen über 90 Minuten körperlich überlegen waren? Müssten nicht jetzt, wo DFB-Pokal, Champions League und Bundesliga in die heiße Phase gehen, die Kräfte der Spieler auf ihr Maximum getrimmt sein – die Angeschlagenen mal ausgenommen?

Welche Schlüsse nun also ziehen? Pessimisten würden sagen, dass die deutsche Mannschaft wenige Monate vor der WM nicht auf der Höhe ist, dass man in dieser Form spätestens nach dem Achtelfinale ausscheiden wird und dass die internationale Konkurrenz sich jetzt schon bis über beide Ohren grinsend die Hände reibt.

Man kann es aber auch mit dem „Tagesspiegel“ halten, der schrieb: „Eine solche archaische Abwehrschlacht hat man von der Nationalmannschaft seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Immerhin: Die guten alten deutschen Tugenden funktionieren noch.“

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Fest steht: Die Leistung der deutschen Nationalmannschaft war gegen Chile weit von dem spielerischen Niveau entfernt, in das wir uns in den letzten Jahren nur allzu gern verliebt haben. Vielleicht müssen wir uns an diese „dreckigen“ Siege einfach wieder gewöhnen.

Jetzt schnell noch die Comunio-Mannschaft für’s Wochenende aufstellen!

Autor: Marcus Erberich

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